Branchenreport 

Dachdeckerinnung Bergisches Land
„Unser Handwerk war noch nie so schön, aber auch noch nie so schwierig“

Eignungstest der Dachdeckerinnung Bergisches Land. Frage an die Schüler, die sich für eine Ausbildung in diesem Gewerk interessieren: Warum möchtest du Dachdecker werden? Einer der Kandidaten hatte darauf eine geradezu unschlagbare Begründung: „Dann kann ich bei schönem Wetter auf dem Dach sitzen und den Mädchen nachpfeifen“, schrieb er auf seinen Bogen.

Ob er heute tatsächlich als Auszubildender auf dem Dach steht – oder sitzt –, wissen wir nicht. Sicher hingegen ist, dass das Dachdeckerhandwerk deutlich mehr zu bieten hat als Ausblicke von höherer Warte auf die Damenwelt. „Das Schöne an unserem Beruf ist die Vielseitigkeit“, sagt Harald Laudenberg, Obermeister der Dachdeckerinnung Bergisches Land. Kein anderes Gewerk am Bau decke so viele Bereiche ab – das reicht von Abdichtungen im Tiefbaubereich über Fassadengestaltung bis zum kompletten Dach einschließlich der Wärmedämmung. Jeder Tag stelle neue Aufgaben an die Meister und Gesellen: „Es ist immer wieder spannend herauszufinden, wo die Ursache für einen Schaden oder eine undichte Stelle liegt.“

Die moderne Technik hat dazu geführt, dass der Beruf des Dachdeckers heute körperlich längst nicht mehr so belastend ist wie früher. Diese Entwicklung ist mitverantwortlich dafür, dass immer mehr Mädchen aufs Dach möchten. Auch in der Führungsspitze der Dachdeckerinnung arbeitet eine Frau mit: Anke Dörmbach aus Wipperfürth engagiert sich hier als stellvertretende Obermeisterin gemeinsam mit Rainer Krapp aus Radevormwald und Oliver Bläsius aus Bergisch-Gladbach.

Die Anforderungen an den Dachdecker von heute liegen, salopp gesagt, nicht mehr in den Oberarmen, sondern zwischen den Ohren. „Unser Beruf war noch nie so schön, aber auch noch nie so schwierig“, meint Obermeister Laudenberg, „wir sind das Handwerk, das in den vergangenen Jahren am meisten an Know-how dazugewonnen hat.“ Zu dieser stark gewachsenen Komplexität haben neue Trends im Bereich des Dachgeschossausbaus, aber auch die Energiesparverordnung und zahlreiche andere Vorschriften beigetragen.

Aktuelle Techniken im Bereich der Wärmedämmung oder auch die Solar- und Fotovoltaiktechnologie erfordern ebenfalls eine Aufgeschlossenheit für innovative Produkte. Es reicht nicht, eine Solaranlage aufs Dach zu schrauben und einfach ein Loch zu bohren, um die nötige Leitung ins Haus zu führen. In diesem Moment kann das „System Dach“ mit seinen verschiedenen Luftdichtigkeitsschichten und den entsprechenden Membranen bereits zerstört sein. Das gebohrte Loch verursacht ein Dampfdruckgefälle. Da ja bewusst eine Luftdichtigkeitsschicht eingebaut wurde und auch die Fenster heutzutage keinen Luftaustausch mehr zulassen, wird die gesamte Feuchtigkeit im Raum auf diese eine Stelle geführt – da sind Schimmelpilze programmiert. Verhindern lässt sich das nur mit einer hochwertigen handwerklichen Arbeit.

Genau hier liegt eine große Kommunikationsaufgabe für das Dachdeckerhandwerk, so Laudenberg. „Die Technik, die heute im Dach steckt, ist den meisten Kunden überhaupt nicht bewusst“, meint er. Diese Unwissenheit nutzen die so genannten „Dach-Haie“ aus, deren Dächer zwar auf den ersten Blick gefällig aussehen, aber nach einigen Jahren schwere Fehler in der Struktur offenbaren – bis hin zu faulenden Dachstühlen.

Auch der Klimawandel trägt dazu bei, dass der Dachdecker heute mehr wissen muss als noch vor einigen Jahren: „Es regnet mehr in der Region und es gibt mehr Stürme“, sagt Laudenberg. Die Versicherungswirtschaft stellt ganz andere Anforderungen an die Standsicherheit und damit an die Befestigung von Dachziegeln als vor fünf Jahren. Auch die Bemessungsgrößen von Rohren und Abflüssen haben sich verändert, weil mehr Wasser von der Dachfläche abgeführt werden muss. Ganz zu schweigen von der Statik gerade bei Flachdächern, damit kein Wasser überlaufen und das Dach zum Einsturz bringen kann.

Umso wichtiger ist es, dass die Betriebe ihre Mitarbeiter schulen lassen. Angebote dazu macht auch die Innung. „Ich kann jedem Kollegen nur dringend empfehlen, sich mit den neuen Techniken und Produkten zu beschäftigen“, meint der Obermeister. Natürlich gibt es dabei ein Problem, so räumt er ein, weil die Betriebsinhaber alle Hände voll zu tun haben, Aufträge hereinzuholen. Das könnte dadurch erleichtert werden, wenn die Dachdecker mehr Komplettleistungen anbieten. Laudenberg: „Eigentlich ist alles, was irgendwo mit Abdichtungen zu tun, also auch beispielsweise die Dichtigkeit am Übergang vom Dach zur Wand, Sache des Dachdeckers.“

Dass etwa die Heizungs- und Sanitärbranche derzeit vom Trend zur energetischen Gebäudesanierung viel stärker profitiert als das Dachdeckerhandwerk, hat für Laudenberg zwei Gründe. Zum einen erfordert eine komplette Dachsanierung immerhin eine Investition von 20.000 bis 30.000 Euro. Zum anderen gibt es beispielsweise bei Heizungsanlagen nur wenige große Hersteller, die in den letzten Jahren massiv und nach einem ähnlichen Konzept für ihre Produkte geworben haben. Ganz anders die Situation in der Dachdeckerbranche: Hier hat der Konzentrationsprozess erst vor einiger Zeit begonnen, so dass die Kommunikationspolitik der vielen verschiedenen Unternehmen jahrzehntelang sehr uneinheitlich war. Außerdem gibt es für Dachziegel, Dämmstoffe, Folien, Klebebänder und Fenster jeweils unterschiedliche Hersteller – auch deshalb fehlt der Dach-Branche bislang die nötige Durchschlagskraft, um eine wirksame Werbung für den Endverbraucher auf die Beine zu stellen.

Derzeit gibt es zwei Gruppen von Dachdeckerbetrieben in der Region: Die Unternehmen, die für private Kunden arbeiten, können trotz Wirtschaftskrise bisher nicht klagen. Ihnen geht es gut bis befriedigend. Ganz anders sieht das bei den Betrieben aus, die für gewerbliche Auftraggeber arbeiten. „Die Industrie hat viele Aufträge storniert“, weiß Obermeister Laudenberg – auch bereits fest zugesagte Projekte, die Anfang 2009 realisiert werden sollten, wurden plötzlich wegen der Wirtschaftskrise auf Eis gelegt.

Ein weiteres Problem sind die Überkapazitäten im Dachdeckerhandwerk. Nach der Novellierung der Handwerksordnung sind viele Kleinstbetriebe an den Markt gegangen, deren Inhaber zum Teil keinen Meisterbrief besitzen. Diese Firmen arbeiten mit einer ganz anderen Kostenstruktur und drücken das Preisniveau nach unten. Auf Dauer dürfte das auf Kosten der Qualität am Bau gehen. „Manche beschäftigen ein paar Hilfsarbeiter – da fehlt es an Know-how“, kommentiert Laudenberg diese Entwicklung.

Etliche der neueren Betriebe haben keinen oder höchstens einen gewerblichen Mitarbeiter. Das wäre zwar für Reparaturen völlig ausreichend, nicht aber für umfassende Sanierungen. Damit nicht genug: Betriebe aus der Eifel, dem Westerwald und sogar aus dem Osten drängen auf den regionalen Markt. Im Schnitt, so Obermeister Laudenberg, „wird die Leistung, die der Dachdecker bei einer vernünftigen Ausführung der Arbeit erbringt, nicht ausreichend bezahlt“.

In den letzten beiden Jahren wurden die strukturellen Schwierigkeiten der Branche von den schweren Stürmen überdeckt. Die dadurch verursachten Schäden an vielen Dächern sorgten für volle Auftragsbücher. Gleichzeitig machen die zunehmenden Wetter-Kapriolen den Dachdeckern aber auch das Leben schwer. Oft genug liegt die Baustelle still, weil die Witterung nicht mitspielt. Und: Manche neue Materialien, beispielsweise Klebebänder, haben einen ganz engen Temperatur-Spielraum, wann sie eingebaut werden dürfen. Harald Laudenberg: „Das Wetter-Risiko ist nicht kalkulierbar und die Preisentwicklung am Markt gibt keine Risikospannen mehr her.“

„Ohne positive Einflüsse von außen wird dieses Jahr ein schweres Jahr“, befürchtet Laudenberg. Er wünscht sich einen besseren steuerlichen Anreiz für die energetische Sanierung des Daches oder beispielsweise einen staatlichen Zuschuss in Höhe von 10 Prozent auf die Investitionskosten für Wärmedämmung. Gleichzeitig rät er den Betrieben, sich über die seit dem 1. April geltenden neuen Förderprogramme zu informieren, um die Kunden kompetent beraten zu können. Dazu bietet auch die Kreishandwerkerschaft entsprechende Informationsveranstaltungen an.


Mit 205 Mitgliedern ist die Dachdeckerinnung Bergisches Land die größte Innung im Landesverband. Um die Mitgliederzahl zu halten, bietet sie den Betrieben einen klaren Mehrwert, wie etwa einen Innungs-Thementag zum „Flachdach“, der Mitte März mit rund 70 Teilnehmern stattfand. Ähnlich hohe Besucherzahlen haben die Innungsversammlungen, seit sie nicht mehr abends, sondern tagsüber anberaumt werden. Einen „Riesenvorteil“ für die Mitgliedsbetriebe sieht Obermeister Laudenberg in der Schlichtungsstelle. Probleme können so viel schneller und preiswerter als in einem Rechtsstreit gelöst werden – davon profitieren sowohl die Unternehmen als auch die Kunden.


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